Musik vs. Persönlichkeit

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Lin@
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Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Lin@ »

Da das Thema gestern im WHIG?-Thread aufkam und nach Chris Browns umstrittenen Auftritten (ja, Mehrzahl!) bei der Grammy-Verleihung vor kurzem ja auch in aller Munde war, dachte ich mir, ich frag gleich mal in nem Extra-Thread in die Runde:

Spielt für die Beurteilung von Musik die Persönlichkeit und/oder Vergangenheit des Künstlers eine Rolle? Darf man Musik von Frauenschlägern, Kinderschändern o.ä. gut finden? Oder sollte man sie boykottieren? Habt ihr schon mal erlebt, dass ihr etwas über eine eurer Lieblingsbands erfahren habt, das einen extrem bitteren Beigeschmack hinterlassen hat? Wenn ja, mögt ihr ihre Musik trotzdem noch? Und wie ist das bei anderen "Kunstformen", also z.B. Büchern, Serien oder Filmen? Sollte man ein schlechtes Gewissen, wenn man Roman Polanskis Filme mag? Gibt es Musiker/Schaupieler/Filmemacher, deren Werke ihr bewusst meidet, weil ihr sie als Person unsympathisch oder gar abstoßend findet? Oder seid ihr der Meinung, dass man musikalische/filmische/literarische Werke unabhängig von ihren Schöpfern bewerten sollte und dementsprechend auch immer ohne Probleme genießen darf?
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Schnupfen
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Schnupfen »

Die Wulff/Käsmann/etc/pp-Debatte im Kulturbereich? ;-)
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„One day at a time“
Ringworm

Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Ringworm »

Lin@ hat geschrieben: Chris Browns umstrittenen Auftritten (ja, Mehrzahl!)
Ich kenne nur den anhand zwei Vorfällen offensichtlich homophoben, frauenschlagenden Chris Brown. Das reicht mir schon. ;)
Lin@ hat geschrieben:Spielt für die Beurteilung von Musik die Persönlichkeit und/oder Vergangenheit des Künstlers eine Rolle?


Meist beschäftige ich mich mit dem Drumherum gar nicht und bekomme tatsächlich erst was mit, wenn schon die ganze Welt darüber redet. Aber klar, Musik ist für mich auch ein Gesamtkunstwerk, bei dem auch der Künstler passen muss. Deswegen muss er nicht überall dieselbe Meinung haben wie ich. Im Gegenteil, oft können Kontraste auch sehr interessant sein. Ich bin bspw. wahrscheinlich einer der wenigen, der bei den Lyrics von Tyler, the Creator aktuell noch beide Augen zudrückt, weil ich das Gefühl habe, dass es bei ihm noch eine Trennung gibt zwischen geäußerter und in künstlerischer Form aufbereiteter und tatsächlich persönlicher Meinung. Kann aber gut sein, dass ich ihm das bei seinem neuen Album nicht mehr abnehme, und dann ist er für mich auch weg vom Fenster. Es gibt halt so ein paar No-Gos, die ich absolut nicht brauche (wie eben die Schweneblut-Geschichte bei Soap&Skin, Lady Gagas Fleischkleid usw.), und die mir den jeweiligen Künstler derart madig machen, dass ich seine Musik auch gar nicht mehr genießen könnte, selbst wenn ich wollte. Mit Mia z.B. konnte ich eh nie was anfangen, spätestens mit "Was es ist" wären sie aber unhörbar geworden.
Lin@ hat geschrieben:Darf man Musik von Frauenschlägern, Kinderschändern o.ä. gut finden? Oder sollte man sie boykottieren?
Kommt immer darauf an, inwiefern die negativen Seiten des Künstlers sich direkt musikalisch widerspiegeln. Dann geht das mit dem Gut-Finden definitiv nicht mehr. Aber auch sonst wird's teilweise schwierig. Bis zu einem gewissen Grad geht es noch mit dem Trennen zwischen Künstler und dessen Produkt.
Lin@ hat geschrieben:Habt ihr schon mal erlebt, dass ihr etwas über eine eurer Lieblingsbands erfahren habt, das einen extrem bitteren Beigeschmack hinterlassen hat?
Gibt es eigentlich immer mal wieder. Ich bewege mich halt größtenteils in einem Genre, bei dem bspw. die politische Einstellung immer fest mit der Musik verankert ist. Die "support our troups"-Ansagen von Defeater auf dem einen oder anderen Konzert hätte ich zum Beispiel definitiv nicht gebraucht, aber die haben das dann eigentlich noch recht gut klären können, weswegen ich sie auch weiterhin höre. Underoath - aber da wären wir dann beim Thema Religion, das im Punk- und Hardcoregenre ohnehin jedes Mal wieder für heftige Diskussionen sorgt - hat schon so manche peinliche, christlich geprägte Aussage getätigt, aber auch die haben dazu gelernt. Keine Ahnung, wenn ich in einem Booklet zu einem neuen Album wie vorgestern ein Inlay mit dem Aufdruck "No Sleep Records supports a vegan lifestyle" finde inkl. Verlinkung zu peta (mal unabhängig davon, dass die Art und Weise, wie sich peta nach außen hin präsentiert, auch unter aller Sau ist), dann ist das für mich normal. Wenn jemand erst mal Gott oder seiner Heimatnation dankt, ist das in dem Genre nicht nur selten, sondern auch oft ungern gesehen.
Lin@ hat geschrieben:Wenn ja, mögt ihr ihre Musik trotzdem noch?
Kommt echt immer auf die "Verfehlung" an. Mögen vielleicht schon noch, Lieblingskünstler sind sie aber spätestens dann nicht mehr, wenn es eine für mich persönlich nicht ganz unerhebliche Verfehlung ist.
Lin@ hat geschrieben:Und wie ist das bei anderen "Kunstformen", also z.B. Büchern, Serien oder Filmen?
Da hatte ich eigentlich recht wenig Berührungspunkte und kann das eher schlecht beurteilen. Wobei mir beispielsweise David Simons Aussage, dass es Kapitalismus nun einmal geben müsse, auch regelmäßig sauer aufstößt. Aber das ist eben kein No-Go, weil ich mit ihm sonst in praktisch allen Punkten d'accord gehe, von daher passt das schon. ;)
Lin@ hat geschrieben:Sollte man ein schlechtes Gewissen, wenn man Roman Polanskis Filme mag?
Eigentlich schon, ja. ;)
Die ganze Sache wäre einfacher, wenn er nicht so gute Filme drehen würde. :D
Lin@ hat geschrieben:Gibt es Musiker/Schaupieler/Filmemacher, deren Werke ihr bewusst meidet, weil ihr sie als Person unsympathisch oder gar abstoßend findet?
Richtig meiden eher selten, dann eher sowas in der Art wie "mit der nötigen Distanz gucken/hören". Ist u.a. bei Mel Gibson so. Klar, meine persönliche Streichliste wird zu jeder Fußball-WM und -EM mit ihren "Deutschland vor!"-Songs immer länger, aber das waren bis auf vielleicht mal Blumentopf auch nie Bands dabei, die ich sonst tatsächlich gemocht habe.
Lin@ hat geschrieben:Oder seid ihr der Meinung, dass man musikalische/filmische/literarische Werke unabhängig von ihren Schöpfern bewerten sollte und dementsprechend auch immer ohne Probleme genießen darf?
Selbst wenn man es "sollte", könnte ich es in den meisten Fällen einfach nicht. ;)
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Schnurpsischolz
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Schnurpsischolz »

Schnupfen hat geschrieben:Die Wulff/Käsmann/etc/pp-Debatte im Kulturbereich? ;-)
Die natürlich durch diesen Beitrag unheimlich an Substanz dazu gewonnen hat. :roll:

Zum Thema, ich selbst lass mich von solchen Dingen meistens doch sehr beeinflussen. Dabei geht es mir aber vor allem eben um Dinge, die ich selbst für moralische NO-Gos halte. Also ob nun ein Pop-Star oder Schauspieler seine Ehefrau betrügt oder sowas ist mir schnuppe und bin im allgemeinen auch froh, wenn ich davon gar nichts mitbekomme, das geht mich (und mMn auch den Rest der Öffentlichkeit) nichts an. Wenn man dann aber seine Partnerin verprügelt und danach auch nicht einmal richtig Reue zeigt, ist für mich eine Grenze überschritten. Den Fall Chris Brown hatte ich jetzt nicht wirklich verfolgt und ich kenn da die Details auch nur so völlig oberflächlich, deshalb fühle ich mich da nicht kompetent genug zu urteilen. Aber am Beispiel Charlie Sheen bin ich auch der Meinung, dass er für mich keinerlei Reue an den Tag gelegt hat (u.a. ja auch dafür, dass er in wiederholte Maße gewalttätig seinen Lebenspartnerinnen gegenüber wurde) und dadurch, dass für ihn seine Karriere einfach weitergeht, vermittelt man einfach in der Öffentlichkeit, dass das ja alles nicht so schlimm ist. Und was ich von Chris Brown mitbekommen habe, geht ja auch in die Richtung. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Auftritt von Chris Brown direkt auf den Whitney-Houston-Tribut folgt, das ist einfach nur geschmacklos. :roll:

Also gewisse Dinge beinflussen mein Bild von Küsntlern, egal ob das nun im Bereich Musik oder Film/Serie ist schon und stellen mich durchaus vor die Frage, ob ich denjenigen gut finden will oder nicht.
Lin@ hat geschrieben:Spielt für die Beurteilung von Musik die Persönlichkeit und/oder Vergangenheit des Künstlers eine Rolle? Darf man Musik von Frauenschlägern, Kinderschändern o.ä. gut finden? Oder sollte man sie boykottieren?
Gerade bei den Beispielen, würde ich sagen: Ja. Ausnahme ist für mich, wenn der betreffende richtig Zeichen der Reue zeigt, offen zugibt einen Fehler begangen zu haben und den Eindruck vermittelt, sich bessern zu wollen. Aber das ist ja oftmals nicht der Fall.
Lin@ hat geschrieben:Habt ihr schon mal erlebt, dass ihr etwas über eine eurer Lieblingsbands erfahren habt, das einen extrem bitteren Beigeschmack hinterlassen hat?
Ich persönlich hatte einmal das A-Ha erlebnis, dass ich Adam Baldwin als Person, losgelöst von seinen Rollen wirklich nicht bewundern kann, nachdem ich von dessen extrem rechter politischer Einstellung erfahren habe. Das geht dann leider gar nicht mehr. Hat mich dabei durchaus auch ein wenig schockiert, das ist man so ja als liberaler Mitteleuropäer gar nicht richtig gewohnt. Andere Beispiele hatte ich da noch nicht viele, zumindest fallen mir gerade keine ein. Die Sache mit Scientology hatte ich ab und an mal noch, allerdings ist das für mich, solange dass die betreffenden Künstler nicht missionarisch betreiben auch noch OK, bzw. halt deren Privatsache.

Ansonsten kann ich mich da den Sensibilitäten von Ringworm wirklich nur anschließen, wir haben sicherlich andere Schwerpunkte, auf die es uns ankommt. Es sind andere Themen, die bei mir solchen Reaktionen auslösen, aber die Reaktion ist wenn ich mir seinen Beitrag durchlese durchaus sehr ähnlich. Ich kann die Person vom Werk, sollte ich darüber etwas wissen schwer trennen und will das eben bei einigen Dingen auch nicht. Und es spielt eben auch eine Rolle, inwieweit diese Dinge in die Kunst selber hineinragen, aber wenn jemand eine Grenze überschreitet, die ich für moralisch falsch halte, dann will ich die Person nicht unterstützen. Ich würde im realen Leben eine solche Person ja auch nicht unterstützen wollen und durch meine Unterstützung ja irgendwie meine Absolution für ein solches Verhalten zu erteilen.
Sollte man ein schlechtes Gewissen, wenn man Roman Polanskis Filme mag?
Eigentlich schon, ja. ;)
Die ganze Sache wäre einfacher, wenn er nicht so gute Filme drehen würde. :D
Hihi, genau meine Reaktion, als ich das vorhins las. Wobei ich die Filme schon noch gut finde, ich würde aber halt Polanski nie ohne den Zusatz um seine Geschichte als Vorzeigeregisseur verwenden.
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Lin@
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Lin@ »

Ringworm hat geschrieben:Meist beschäftige ich mich mit dem Drumherum gar nicht und bekomme tatsächlich erst was mit, wenn schon die ganze Welt darüber redet.
Geht mir recht ähnlich, weil ich zwar viel über Musik lese, aber eben recht wenig über die Musiker selbst. Wobei die meisten Bands/Künstler, die ich mag, in der Regel so unbekannt sind, dass es wirklich extrem selten vorkommt, dass die ganze Welt darüber redet. ;) Bon Iver ist da eine der großen Ausnahmen, aber da können auch noch so viele "Journalisten" versuchen, ihm das Wort im Mund umzudrehen, wenn man zwei, drei ausführliche Interviews mit ihm gesehen hat, weiß man einfach, dass Justin Vernon in Wirklichkeit ein höllisch sympathischer und zu allem Überfluss auch noch intelligenter, bescheidener und humorvoller Kerl ist. Von daher stellt sich da das Problem nicht.
Aber klar, Musik ist für mich auch ein Gesamtkunstwerk, bei dem auch der Künstler passen muss.
Für mich ist Musik auch ein direkteres Medium als z.B. Film, weil zum einen deutlich weniger Leute involviert sind und weil es mir in der Regel auch deutlich mehr ans Herz geht, weil man Musik ja auch öfter hört, während ich Filme ein- oder vielleicht zweimal gucke und sie dann gewissermaßen "vergesse". Daher steht da für mich durch diese emotionalere Bindung auch sehr viel mehr auf dem Spiel. Wenn da also das Bild vom Künstler zu sehr vom Bild, das ich von seiner Musik habe, abweicht, kann das definitiv stärker abfärben als ein Schauspieler, den ich nicht ab kann. Und zwar sowohl im negativen als auch positiven Sinne.
Deswegen muss er nicht überall dieselbe Meinung haben wie ich. Im Gegenteil, oft können Kontraste auch sehr interessant sein.
Sehe ich auch so.
Ich bin bspw. wahrscheinlich einer der wenigen, der bei den Lyrics von Tyler, the Creator aktuell noch beide Augen zudrückt, weil ich das Gefühl habe, dass es bei ihm noch eine Trennung gibt zwischen geäußerter und in künstlerischer Form aufbereiteter und tatsächlich persönlicher Meinung.
Wobei ich sowas ja in der Regel unter Provokation-um-der-Provokation-willen verbuche, womit ich auch nicht selten so meine Probleme habe. Kommt halt immer auf die Absicht hinter der Provokation an, die man sich aber in vielen Fällen eben auch nur denken und nicht wirklich kennen kann.
Mit Mia z.B. konnte ich eh nie was anfangen, spätestens mit "Was es ist" wären sie aber unhörbar geworden.
Hm... da wären wir schon beim "Ignorance is bliss"-Dilemma: Soll ich da jetzt genauer nachfragen oder lass ich's bleiben? ;) Paar ihrer alten Songs mag ich nämlich eigentlich ganz gerne...
Ich bewege mich halt größtenteils in einem Genre, bei dem bspw. die politische Einstellung immer fest mit der Musik verankert ist. [...] beim Thema Religion, das im Punk- und Hardcoregenre ohnehin jedes Mal wieder für heftige Diskussionen sorgt [...] Wenn jemand erst mal Gott oder seiner Heimatnation dankt, ist das in dem Genre nicht nur selten, sondern auch oft ungern gesehen.
Ich kenn mich mit der Szene ja überhaupt nicht aus, finde das aber hochinteressant. Heißt das, dass der "Respekt" für den Künstler (teilweise oder völlig) flöten geht, wenn politische oder religiöse Ansichten in der Musik/den Texten durchschimmern, mit denen man nicht konform geht? Wie extrem müssen da die Differenzen sein? Oder ist da schon der alleinige Glaube an Gott ein Problem? (Und wäre Punk/Hardcore eigentlich überhaupt noch Punk/Hardcore, wenn die Texte unpolitisch und völlig belanglos wären? Wenn man also bloß noch Bienchen und Blümchen "singen" würde?)
Richtig meiden eher selten, dann eher sowas in der Art wie "mit der nötigen Distanz gucken/hören". Ist u.a. bei Mel Gibson so.
Aber erst seit den Skandalen, nehm ich an?
Ich mochte Mel ja immer sehr gerne und hab auch so gut wie all seine Filme gesehen, weil meine Schwester in ihren Teenager-Jahren Riesenfan war. Vielleicht hab ich auch deswegen die ganze Diskussion um ihn etwas gemieden, weil ich mir einfach nicht das Bild, das ich von ihm hatte, zerstören wollte. Was mir auch einigermaßen gelungen ist. Ich denke, bei Leuten, die man eigentlich mag, macht man das wahrscheinlich öfter so, dass man sich einfach an Strohhalme klammert wie: Hey, die wundervolle Jodie Foster ist mit ihm sehr gut befreundet. So schlimm KANN er doch also gar nicht sein!
Schnurpsischolz hat geschrieben:Den Fall Chris Brown hatte ich jetzt nicht wirklich verfolgt und ich kenn da die Details auch nur so völlig oberflächlich, deshalb fühle ich mich da nicht kompetent genug zu urteilen.
Ich hatte davon ja überhaupt GAR nichts mitbekommen (vermutlich weil ich Klatschpresse und Boulevardmagazine meide wie die Pest und mich weder Rihanna noch Chris Brown auch nur die Bohne interessieren) und war dann zuerst völlig verwirrt als während der Grammys im Twitterverse plötzlich das große Dissen losging, aber nachdem ich nachgelesen hatte, woher der ganze Aufruhr kam, konnte ich's definitiv nachvollziehen. Was mich da dann aber erst so richtig geschockt hat, war weniger die Tatsache, dass die Öffentlichkeit ihn offenbar immer noch sehen (oder zumindest hören) will, als vielmehr der krasse Kommentar der Grammy-Produzenten im Vorhinein
We’re glad to have him back. I think people deserve a second chance, you know. If you’ll note, he has not been on the Grammys for the past few years and it may have taken us a while to kind of get over the fact that we were the victim of what happened.
sowie die zahllosen, unfassbar idiotischen "I would let Chris Brown beat me"-Tweets von notgeilen Teenager-Gören. :roll: Da kann man sich echt nur an den Kopf fassen.

Wobei ich ehrlich gesagt nicht wirklich zu 100% sagen kann, ob ich seine Musik wirklich boykottieren würde, wenn er vor der ganzen Geschichte vor drei(?) Jahren zu meinen absoluten Lieblingskünstlern gehört hätte. Ich meine, wenn sich jetzt herausstellen würde, dass z.B. Jason Molina mehrfach seine Frau verprügelt hat, hätte das bestimmt einen Einfluss darauf, wie ich seine Musik wahrnehme. Aber ob die über Jahre aufgebaute Beziehung, die ich insbesondere zu seinem "Lioness"-Album aufgebaut habe, plötzlich dahin wäre? Ich wage es ehrlich gesagt fast zu bezweifeln, weil man sich Musik zu einem nicht geringen Maße ja auch irgendwie zu eigen macht, wenn man sie regelmäßig hört, in sein Leben integriert und persönliche Erinnerungen an sie knüpft.
Aber am Beispiel Charlie Sheen bin ich auch der Meinung, dass er für mich keinerlei Reue an den Tag gelegt hat
Wobei ich mich bei Charlie Sheen auch schon des Öfteren gefragt habe, inwiefern er bei all dem Drogenkonsum überhaupt noch zurechnungsfähig ist/war. Ich mein, der Typ ist einfach ganz eindeutig krank. Daher ist das für mich noch ein bisschen was anderes und ich könnte mir auch gut vorstellen, dass er irgendwann, nachdem er hoffentlich mal clean geworden ist und sein Leben auf die Reihe gekriegt hat, SEHR viel bereuen wird. Dennoch ist er sicherlich ein ganz klarer Fall, bei dem man wirklich nicht lange überlegen muss, ob man seine Präsenz im Fernsehen unterstützen sollte. Vor allem eben deswegen:
vermittelt man einfach in der Öffentlichkeit, dass das ja alles nicht so schlimm ist.
Also gewisse Dinge beinflussen mein Bild von Küsntlern, egal ob das nun im Bereich Musik oder Film/Serie ist schon und stellen mich durchaus vor die Frage, ob ich denjenigen gut finden will oder nicht.
Wobei die eigentliche Frage ja nicht ist, ob man denjenigen dann noch gut finden will oder nicht (es gibt sicher auch Fälle, wo man eigentlich unsympathische Leute durch ihr künstlerisches Talent als deutlich weniger unsympathisch auffasst), sondern ob das dann eben zwangsläufig auch auf sein Werk abfärben muss. Oder sollte. Oder kann. Whatever. ;)
Ich persönlich hatte einmal das A-Ha erlebnis, dass ich Adam Baldwin als Person, losgelöst von seinen Rollen wirklich nicht bewundern kann, nachdem ich von dessen extrem rechter politischer Einstellung erfahren habe. Das geht dann leider gar nicht mehr.
Aber ging das denn so weit, dass es bei dir unter das fiel, was du oben als "moralische NO-Gos" bezeichnet hast? Und hat sich das auf dein Verhältnis zu "Chuck" oder zumindest Casey ausgewirkt?
Die Sache mit Scientology hatte ich ab und an mal noch, allerdings ist das für mich, solange dass die betreffenden Künstler nicht missionarisch betreiben auch noch OK, bzw. halt deren Privatsache.
So sehe ich das auch. Ich bin da in der Hinsicht eigentlich echt ein sehr toleranter Mensch, der über zwiespältige religiöse, politischen o.a. Ansichten durchaus hinwegsehen kann, VORAUSGESETZT es wird eben nicht lauthals missioniert. Da hab ich dann schon ein sehr, sehr viel größeres Problem mit.
Und es spielt eben auch eine Rolle, inwieweit diese Dinge in die Kunst selber hineinragen, aber wenn jemand eine Grenze überschreitet, die ich für moralisch falsch halte, dann will ich die Person nicht unterstützen. Ich würde im realen Leben eine solche Person ja auch nicht unterstützen wollen und durch meine Unterstützung ja irgendwie meine Absolution für ein solches Verhalten zu erteilen.
Das heißt, wenn sich jetzt herausstellen würde, dass Arcade Fire in ihrem Studiokeller Homosexuelle foltern oder Kinder missbrauchen (very likely, I know :D ) würdest du auch gnadenlos all ihre Alben aus dem Haushalt verbannen und nie wieder einen Song von ihnen hören wollen? Und was ist, wenn sie sich "nur" immer und überall wie Arschlöcher aufführen und TAAHM für die beste Sitcom aller Zeiten halten würden, dabei aber keine moralischen Grenzen überschreiten? Was reagierst du dann?
Sollte man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Roman Polanskis Filme mag?
Eigentlich schon, ja. ;)
Die ganze Sache wäre einfacher, wenn er nicht so gute Filme drehen würde. :D
Hihi, genau meine Reaktion, als ich das vorhins las. Wobei ich die Filme schon noch gut finde, ich würde aber halt Polanski nie ohne den Zusatz um seine Geschichte als Vorzeigeregisseur verwenden.
Ist schon irgendwie tricky, ne? Wobei ich mich frage, ob er als Schauspieler nicht womöglich wesentlich schlechter dran wäre, was seinen Ruf angeht, weil man dann permanent sein Gesicht sehen würde, während man bei einem Film ja nicht zwangsläufig wissen muss (oder besser ignorieren kann), wer da hinter der Kamera stand.

Mir persönlich fallen ehrlich gesagt keine sonderlich extremen Fälle ein, bei denen sich meine Meinung über jemanden wirklich so stark verändert hätte, dass ich seine Arbeit nicht mehr genießen konnte. Ich war ziemlich enttäuscht nachdem ich Robin Thicke mal live gesehen hatte, weil der auf der Bühne einfach so den R'n'B-Gigolo raushängen ließ und sich beim Performen aus unerfindlichen Gründen immer zwanghaft zwischen die Beine griff ( :wtf: ), aber das hatte nicht allzu große Auswirkungen, weil seine Musik sich mit der Zeit leider ohnehin in eine recht ähnliche Richtung entwickelt hat. Bei Xavier Naidoo bzw. den Söhnen Mannheims hab ich's früher immer geschafft, die Musik unabhängig von den kontroversen Lyrics zu genießen, bis die Texte (bzw. die "Message") mir irgendwann einfach zu sehr in den Vordergrund rückten. Was vor allem deswegen schade ist, weil ich Naidoo eigentlich für einen genauso starken Texter wie Sänger halte, der sich IMO halt musikalisch bloß immer wieder gern im Thema und/oder im Ton vergreift bzw. halt den Missionar raushängen lässt. Pete Doherty ist definitiv kein Mensch, mit dem ich gerne befreundet wäre, den ich aber musikalisch immer wieder vehement in Schutz nehme, weil ich ihn wirklich für ein verkanntes Genie halte, das auf die falsche Bahn geraten ist, zum Opfer der Medien wurde und aus dem Drogensumpf einfach nicht rauskommt. Kanye West kann ich mit seiner größenwahnsinnigen Art nicht ausstehen, was sich zwar durch Justin Vernons Kommentare über ihn ein klein wenig relativiert hat, aber vermutlich immer noch stark dazu beiträgt, dass ich seine Musik wesentlich kritischer betrachte als die meisten anderen. Billy Bob Thornton halte ich seit diesem Interview für einen arroganten Vollspacko (was meine Lust auf einen Re-Watch von "Monster's Ball" letztens gewaltig getrübt hat), kann aber (noch?) nicht beurteilen, inwiefern das wirklich meine Meinung auf seine Filme beeinflussen wird. Einerseits bin ich sehr versucht, sie zu meiden, andererseits spielt er ja meistens eh irgendeinen Fiesling, von daher passt das vielleicht sogar. ;) Und bei Roman Polanski geht's mir wohl wie den meisten.

In der Regel läuft's bei mir aber eher in die andere Richtung, dass ich jemanden bei einem Interview oder auf einem Konzert sehr sympathisch finde und dann deswegen mehr Zeit investiere, in ihre Musik reinzufinden. Funktioniert dann zwar nicht immer, aber halt doch oft genug zumindest so weit, dass ich Alben von ihnen kaufe, um sie zu unterstützen. Auch wenn ich diese danach kaum höre. ;)
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Schnurpsischolz »

Lin@ hat geschrieben:Bon Iver ist da eine der großen Ausnahmen, aber da können auch noch so viele "Journalisten" versuchen, ihm das Wort im Mund umzudrehen, wenn man zwei, drei ausführliche Interviews mit ihm gesehen hat, weiß man einfach, dass Justin Vernon in Wirklichkeit ein höllisch sympathischer und zu allem Überfluss auch noch intelligenter, bescheidener und humorvoller Kerl ist. Von daher stellt sich da das Problem nicht.
Bei mir kommt da ja mittlerweile durch mein eigenes Verhältnis zum Popjournalismus (also dass ich der Meinung bin, dass da auch ein gewisses Können, Gefühl für Qualität und eben auch Integrität dahinter stecken sollte), dass ich dann viel mehr verächtlich über einen schlechten Interviewer denke. Gerade wenn man einen Künstler aus weniger sensationsgeilem Umfeld so gut "kennt", was ja heutzutage durchaus einigermaßen gut möglich ist, dass man seine Aussagen sehr gut einschätzen kann. Bei mir bezieht sich das dann halt weniger auf Musiker, von denen ich echt nicht viel weiß, sondern eher auf Serienmacher/Drehbuchautoren, von denen ich ja gerne und viele Interviews und Hintergrundberichte lese.
Lin@ hat geschrieben:Für mich ist Musik auch ein direkteres Medium als z.B. Film, weil zum einen deutlich weniger Leute involviert sind und weil es mir in der Regel auch deutlich mehr ans Herz geht, weil man Musik ja auch öfter hört, während ich Filme ein- oder vielleicht zweimal gucke und sie dann gewissermaßen "vergesse". Daher steht da für mich durch diese emotionalere Bindung auch sehr viel mehr auf dem Spiel. Wenn da also das Bild vom Künstler zu sehr vom Bild, das ich von seiner Musik habe, abweicht, kann das definitiv stärker abfärben als ein Schauspieler, den ich nicht ab kann.
Das trifft auf jeden Fall auch auf mich zu, wenn ich es mal so überlege, bei mir dann eben bei einem Kreativen hinter der Kamera. Der Schauspieler transportiert ja mehr oder weniger nur die Vision eines anderen, von daher ist dessen Persönlichkeit auch nicht so wichtig, für mich zumindest. Ich neige ja deshalb auch eher selten dazu, richtiges Fansein bei einem Schauspieler zu entwickeln, außer er betätigt sich auch kreativ hinter der Kamera wie bspw. Jason Segel, der sich mit seiner ganzen Leidenschaft rund um dem Muppet-Film aber auch schon rund um Sarah Marshall einfach in mein Herz geschlichen hat.
Lin@ hat geschrieben:
Schnurpsischolz hat geschrieben:Den Fall Chris Brown hatte ich jetzt nicht wirklich verfolgt und ich kenn da die Details auch nur so völlig oberflächlich, deshalb fühle ich mich da nicht kompetent genug zu urteilen.
Ich hatte davon ja überhaupt GAR nichts mitbekommen (vermutlich weil ich Klatschpresse und Boulevardmagazine meide wie die Pest und mich weder Rihanna noch Chris Brown auch nur die Bohne interessieren) und war dann zuerst völlig verwirrt als während der Grammys im Twitterverse plötzlich das große Dissen losging, aber nachdem ich nachgelesen hatte, woher der ganze Aufruhr kam, konnte ich's definitiv nachvollziehen. Was mich da dann aber erst so richtig geschockt hat, war weniger die Tatsache, dass die Öffentlichkeit ihn offenbar immer noch sehen (oder zumindest hören) will, als vielmehr der krasse Kommentar der Grammy-Produzenten im Vorhinein
We’re glad to have him back. I think people deserve a second chance, you know. If you’ll note, he has not been on the Grammys for the past few years and it may have taken us a while to kind of get over the fact that we were the victim of what happened.
sowie die zahllosen, unfassbar idiotischen "I would let Chris Brown beat me"-Tweets von notgeilen Teenager-Gören. :roll: Da kann man sich echt nur an den Kopf fassen.
Schlimm, frag mich da ja auch wirklich ob die ihr Gehirn alle dann ganz ausgeschalten haben. :roll: Ich hab da meine Referenzen wie immer bei solchen Sachen hauptsächlich von Alyssa Rosenberg (zum Thema hier und hier), und sehe es halt auch so, dass diese totale Ignoranz der Tat einfach das schockierende und aufregendswert ist.


Aber am Beispiel Charlie Sheen bin ich auch der Meinung, dass er für mich keinerlei Reue an den Tag gelegt hat
Wobei ich mich bei Charlie Sheen auch schon des Öfteren gefragt habe, inwiefern er bei all dem Drogenkonsum überhaupt noch zurechnungsfähig ist/war. Ich mein, der Typ ist einfach ganz eindeutig krank. Daher ist das für mich noch ein bisschen was anderes und ich könnte mir auch gut vorstellen, dass er irgendwann, nachdem er hoffentlich mal clean geworden ist und sein Leben auf die Reihe gekriegt hat, SEHR viel bereuen wird. Dennoch ist er sicherlich ein ganz klarer Fall, bei dem man wirklich nicht lange überlegen muss, ob man seine Präsenz im Fernsehen unterstützen sollte. Vor allem eben deswegen:
vermittelt man einfach in der Öffentlichkeit, dass das ja alles nicht so schlimm ist.
Klar, er ist krank und das sollte man dabei beachten. Aber er kommt ja wieder ins Geschäft (bspw. mit seiner neuen FX-Serie) zurück, ohne das er selber mal eingesehen hat, dass er krank war/ist, dass er irgendwie nachgewiesen hat er hätte eine erfolgreiche Therapie gemacht und eben ohne einmal in der Öffentlichkeit zu sagen "Es ist falsch Frauen zu verprügeln". Er kommt halt einfach wieder und die Öffentlichkeit bzw. die Medien konzenztrieren sich auch noch fast nur darauf, ob jetzt nun Chuck Lorre beleidigt ist. Klar, dass er seinem Boss auf die Füße getreten ist muss nochmal theamtisiert werden, aber das Rumprügeln nicht? Seltsame Wertevorstellung für meine Begriffe und deshalb finde ich es falsch von FX, dass sie ihn einstellen. Das ist dann auch so ein Beispiel, wo ein Sender der sich bis dato bei mir ein Bild als Qualitätssender mit Ansprüchen aufgebaut hat einen Knachs abbekommen hat. Es macht geschäftstechnisch für die sicher Sinn, da sie ja auch einen großen Teil ihres Erfolges täglichen Wiederholungen von TAAHM verdanken, deshalb muss man ihn dennoch nicht einstellen. (Und ja, ich weiß dass du mir da zugestimmt hattest, war also jetzt auch nicht an dich sondern als allgemeiner Rant gegen die Welt gerichtet :D )
Ich persönlich hatte einmal das A-Ha erlebnis, dass ich Adam Baldwin als Person, losgelöst von seinen Rollen wirklich nicht bewundern kann, nachdem ich von dessen extrem rechter politischer Einstellung erfahren habe. Das geht dann leider gar nicht mehr.
Aber ging das denn so weit, dass es bei dir unter das fiel, was du oben als "moralische NO-Gos" bezeichnet hast? Und hat sich das auf dein Verhältnis zu "Chuck" oder zumindest Casey ausgewirkt?
Anfangs ist es mir durchaus schwer gefallen. Da hat meine Begeisterung für Casey durchaus gelitten und ist auch jetzt nicht mehr ganz da, wie es vorher war. Ihc versuche das dann für Reviews bspw. hinten an zu stellen und halbwegs objektiv ranzugehen, aber jetzt allein für mich hat es einen gehörigen Knacks genommen. Und es ist jetzt halt so, dass ich wenn ich Zach Levy bei einem Panel sehe, ihn richtig gut finde, während ich Adam Baldwin immer mit Abstand betrachte. Er ist halt dabei, aber ich kann mich für sein Verhalten nicht mehr begeistern.
No-Gos waren dann beispielsweise solche Dinge wie aktiv gegen die Homoehe zu schreiben und ein soziales Gesundheitsversicherungssystem gleich mit dem Kommunismus ala Stalin gleichzusetzen. Da hört es für mich einfach auf, einfach weil ich solche Vergleiche und solche Ignoranz auch unter "Dumm" einordne.
Das heißt, wenn sich jetzt herausstellen würde, dass Arcade Fire in ihrem Studiokeller Homosexuelle foltern oder Kinder missbrauchen (very likely, I know :D ) würdest du auch gnadenlos all ihre Alben aus dem Haushalt verbannen und nie wieder einen Song von ihnen hören wollen? Und was ist, wenn sie sich "nur" immer und überall wie Arschlöcher aufführen und TAAHM für die beste Sitcom aller Zeiten halten würden, dabei aber keine moralischen Grenzen überschreiten? Was reagierst du dann?
I really don't know. ;) Ich vermute mal, ich hätte definitiv ein zwiespältiges Verhältnis zur Musik, auch zu den alten lliebgewonnenen Sachen. Keine Ahnung, ob ich sie mir dann wirklich noch unbefangen anhören könnte. Wegschmeißen würd ich es sicher nicht, das wäre ja irgendwie auch total sinnlos, aber ich würde dann wohl eher nichts mehr neues kaufen. Während ich ja jetzt, wo ich mir wohl gerademal 1 bis 2 Alben pro Jahr wirklich physisch kaufe auch eben Wert darauf lege, bei Künstlern die ich so mag das Geld halt auf jeden Fall auszugeben, um diese halt zu unterstützen.
Die ganze Sache wäre einfacher, wenn er nicht so gute Filme drehen würde. :D
Hihi, genau meine Reaktion, als ich das vorhins las. Wobei ich die Filme schon noch gut finde, ich würde aber halt Polanski nie ohne den Zusatz um seine Geschichte als Vorzeigeregisseur verwenden.
Ist schon irgendwie tricky, ne? Wobei ich mich frage, ob er als Schauspieler nicht womöglich wesentlich schlechter dran wäre, was seinen Ruf angeht, weil man dann permanent sein Gesicht sehen würde, während man bei einem Film ja nicht zwangsläufig wissen muss (oder besser ignorieren kann), wer da hinter der Kamera stand.
Ich denke da geht es mir eher andersrum, aber das liegt halt auch daran, dass ich selber viel mehr Wert auf den Regisseur als auch den Schauspieler lege bei einem Film.
Pete Doherty ist definitiv kein Mensch, mit dem ich gerne befreundet wäre, den ich aber musikalisch immer wieder vehement in Schutz nehme, weil ich ihn wirklich für ein verkanntes Genie halte, das auf die falsche Bahn geraten ist, zum Opfer der Medien wurde und aus dem Drogensumpf einfach nicht rauskommt.
Wie äußert sich das bei ihm, nur auf die selbstzerstörerische Art oder auch durch Gewalt anderen gegenüber? Da ist für mich ja auch nochmal eine Grenze. Nur weil ein Musiker im Drogensumpf steckt, was ja nun gerade bei den Ausnahmetalenten wie Kurt Cobain, Amy Winehouse und wie sie alle heißen, oft der Fall ist, hat das für mich keinerlei Auswirkungen. Ganz im Gegenteil, das ist eine Krankheit von der ich überzeugt bin, dass sie mit dem Talent in direktem Zusammenhang stehen. Schwierig wird es dann nur, wenn diese Leute mehr als nur sich selber zerstören.

In der Regel läuft's bei mir aber eher in die andere Richtung, dass ich jemanden bei einem Interview oder auf einem Konzert sehr sympathisch finde und dann deswegen mehr Zeit investiere, in ihre Musik reinzufinden. Funktioniert dann zwar nicht immer, aber halt doch oft genug zumindest so weit, dass ich Alben von ihnen kaufe, um sie zu unterstützen. Auch wenn ich diese danach kaum höre. ;)
Ja, so geht es mir eben bei Serienleuten. :) Manche haben einfach so eine charmante und sympathische Art und legen eine solche ehrliche Begeisterung für ihre Kunst an den Tag, dass ich sie richtiggehend bewundere, auch wenn ich manchmal mit dem Werk nicht 100% mitgehen kann. Vince Gilligan ist da so ein Beispiel, den ich immer wieder in Interviews (besonders wenn sie in Podcast oder Videoform sind) so großartig finde, dass ich manche Sachen die mich an BrBa sonst viel mehr stören würden, richtig nett finde.

Und nochmal dazu:
Aber ob die über Jahre aufgebaute Beziehung, die ich insbesondere zu seinem "Lioness"-Album aufgebaut habe, plötzlich dahin wäre? Ich wage es ehrlich gesagt fast zu bezweifeln,
Ich glaube auch, dass man selbst doch eben gerade zu den Künstlern zu den man ein derart inngiges Verhältnis hat, dass man da ja auch eine gewisse Menschenkenntnis an den Tag legt und jemand, der eben komplett neben der Spur ist, bei einem selbst gar nicht soweit kommen würde. Solche extremen Sachen kommen ja auch nicht von ungefähr. ;)
Ringworm

Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Ringworm »

Lin@ hat geschrieben: Für mich ist Musik auch ein direkteres Medium als z.B. Film, weil zum einen deutlich weniger Leute involviert sind und weil es mir in der Regel auch deutlich mehr ans Herz geht, weil man Musik ja auch öfter hört, während ich Filme ein- oder vielleicht zweimal gucke und sie dann gewissermaßen "vergesse". Daher steht da für mich durch diese emotionalere Bindung auch sehr viel mehr auf dem Spiel. Wenn da also das Bild vom Künstler zu sehr vom Bild, das ich von seiner Musik habe, abweicht, kann das definitiv stärker abfärben als ein Schauspieler, den ich nicht ab kann. Und zwar sowohl im negativen als auch positiven Sinne.
Sehr schön ausgedrückt. Word.
Wobei ich sowas ja in der Regel unter Provokation-um-der-Provokation-willen verbuche, womit ich auch nicht selten so meine Probleme habe. Kommt halt immer auf die Absicht hinter der Provokation an, die man sich aber in vielen Fällen eben auch nur denken und nicht wirklich kennen kann.
Grundsätzlich würde ich dir da Recht geben. Wobei ich mit der Provokation per se kein Problem habe, insbesondere, wenn sie wahrscheinlich auch altersbedingt ist.
Hm... da wären wir schon beim "Ignorance is bliss"-Dilemma: Soll ich da jetzt genauer nachfragen oder lass ich's bleiben? ;) Paar ihrer alten Songs mag ich nämlich eigentlich ganz gerne...
Kennst du die Story echt nicht? Falls Infobedarf besteht und du es wirklich wissen möchtest, klärt die Wiki-Page bspw. bereits auf. :)
Ich kenn mich mit der Szene ja überhaupt nicht aus, finde das aber hochinteressant. Heißt das, dass der "Respekt" für den Künstler (teilweise oder völlig) flöten geht, wenn politische oder religiöse Ansichten in der Musik/den Texten durchschimmern, mit denen man nicht konform geht? Wie extrem müssen da die Differenzen sein? Oder ist da schon der alleinige Glaube an Gott ein Problem? (Und wäre Punk/Hardcore eigentlich überhaupt noch Punk/Hardcore, wenn die Texte unpolitisch und völlig belanglos wären? Wenn man also bloß noch Bienchen und Blümchen "singen" würde?)
Das ist ein immer wieder sehr kontrovers diskutiertes Thema. Fakt ist, dass es eine nicht ganz unerhebliche Gruppierung in der Szene gibt, die findet, dass kein Platz für Religion ist, nachdem Punk ja recht früh für Atheismus stand und sich Hardcore mit der stärkeren Politisierung daraus entwickelt hat. Andererseits gibt es so viele christliche Metalcorebands, dass das mittlerweile schon als eigenes Genre gilt. Und die Bands im Hardcorebereich, die dem Hare Krishna Glauben angehören, sind auch deutlich höher als der durchschnittliche Anteil, den man in der westlichen Bevölkerung beobachten kann. Da ist die Szene in regelmäßigen Abständen immer ziemlich gespalten, und es scheint sie sehr zu bewegen. So wird in nahezu jedem Interview irgendwie nach Religion gefragt, was sie davon halten, wie sie diese äußern, falls sie religiös sind usw. Mit dem Glauben an Gott hat die überwiegende Mehrheit aber sicherlich kein Problem, es gibt nur Bands, die damit recht missionarisch und sehr direkt umgehen, und die sind dann oft nicht wahnsinnig gern gesehen. Ist eine ganz interessante Entwicklung in einer Szene, die von sich immer behauptet, die toleranteste überhaupt zu sein, weil es dann diese "ihr wollt tolerant sein und verabscheut Andersdenkende?" vs. "Toleranz nur denen gegenüber, die auch selbst tolerant sind" Lager gibt.
Äußert sich ja auch immer wieder in "pro-life" vs. "pro-choice" oder den Hardline-Diskussionen.
Die Punk-/Hardcoreszene ist nun mal stark politisiert, da kommt es geradezu zwangsläufig immer wieder zu teils heftigen Auseinandersetzungen. Beispielsweise wurde vor ein paar Jahren eine Band von einem Konzert ausgeschlossen, weil ein Mitglied von ihnen von Beruf Polizist war. Fanden viele gut (so nach dem Motto "die bewahren mit staatlich legitimierter Gewalt den Status Quo"), sehr viele aber ziemlich daneben.
Von daher: Wirklich unpolitische Punk-/Hardcorebands gibt es im Grunde gar nicht, weil sie dann eigentlich gar keine Punk-/Hardcorebands mehr wären. ;)
Aber erst seit den Skandalen, nehm ich an?
Jop, ging mit der Antisemitismus-Geschichte los.
Ich mochte Mel ja immer sehr gerne und hab auch so gut wie all seine Filme gesehen, weil meine Schwester in ihren Teenager-Jahren Riesenfan war. Vielleicht hab ich auch deswegen die ganze Diskussion um ihn etwas gemieden, weil ich mir einfach nicht das Bild, das ich von ihm hatte, zerstören wollte. Was mir auch einigermaßen gelungen ist. Ich denke, bei Leuten, die man eigentlich mag, macht man das wahrscheinlich öfter so, dass man sich einfach an Strohhalme klammert wie: Hey, die wundervolle Jodie Foster ist mit ihm sehr gut befreundet. So schlimm KANN er doch also gar nicht sein!
Genau! :D
Bei Xavier Naidoo bzw. den Söhnen Mannheims hab ich's früher immer geschafft, die Musik unabhängig von den kontroversen Lyrics zu genießen, bis die Texte (bzw. die "Message") mir irgendwann einfach zu sehr in den Vordergrund rückten. Was vor allem deswegen schade ist, weil ich Naidoo eigentlich für einen genauso starken Texter wie Sänger halte, der sich IMO halt musikalisch bloß immer wieder gern im Thema und/oder im Ton vergreift bzw. halt den Missionar raushängen lässt.
Der war bei mir zum Beispiel spätestens dann unten durch, als er sich fürs vermeintliche "Sommermärchen 2006" instrumentalisieren ließ.
Pete Doherty ist definitiv kein Mensch, mit dem ich gerne befreundet wäre, den ich aber musikalisch immer wieder vehement in Schutz nehme, weil ich ihn wirklich für ein verkanntes Genie halte, das auf die falsche Bahn geraten ist, zum Opfer der Medien wurde und aus dem Drogensumpf einfach nicht rauskommt.
Der ist ja auch eher selbstzerstörerisch veranlagt als dass er andere mit reinzieht, oder? Aber ja, Riesenmusiker.
Kanye West kann ich mit seiner größenwahnsinnigen Art nicht ausstehen
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Schnupfen »

Meinte meinen "Wulff/Käsmann/etc/pp-Debatte im Kulturbereich?"-Kommentar tatsächlich ernst. Denn die Frage, um die es hier geht, kann man ja auf alle Bereiche ausweiten, also nicht nur auf Musik, Texte, Mensch dahinter, Schauspieler, Regisseure, Autoren, sondern eben auch auf Politiker, Leute in Ämtern, wichtige Persönlichkeiten bzw. ganz schlicht gesagt: Andere Menschen. Denn auch bei meinen Freunden, Verwandten und Bekannten kann ich mich fragen, ob ich mit XY befreundet bin, auch wenn er dies und das tut und denkt und sagt, also Sachen, die ich nicht unterschreiben kann, die eventuell meinen Überzeugungen widersprechen, eventuell auch illegal sind, eventuell auch als "No-Go" bezeichnet werden können... Wo hört die Freundschaft auf? Was ist ein No-Go? Gäbe es ein solches bpsw. im Familienbereich?

Und ich muss sagen, ich find das Thema im persönlichen Bereich immens wichtig und relevant, im Bereich "Kultur" allerdings nicht und noch weniger als im Bereich "Politik, Regierung, Gesellschaft"... Gerade was Leute wie Wulff, Käsmann, von Guttenberg, usw. angeht, muss ich gestehen, dass ich mir da noch keine endgültige Meinung gemacht habe. Klar, find ich Dinge falsch, zum Schämen und schade, aber die Frage ist halt, inwiefern man nen Unterschied zwischen "Person" und "Amt/Job" machen sollte. Bei Musikern kann ich das. Ich höre Musik von Chris Brown, R. Kelly, Bobby Brown, verknackten Rappern, christlichen "Fundamentalisten" und viiiiiielen anderen, die Dinge tun, die ich nicht gut finde. Ich schaue Sheen und Polanski. Lese umstrittene Autoren. Deren Leistungen und Ergebnise musikalischer, filmischer oder lesbarer Art sind oft einfach gut und interessant. Und darum geht's mir. Was sie sonst so privat machen, denken oder - bei Musikern - was so in ihren Texten oder Performances vorkommt, ist mir, wenn mir der Rest gefällt, einfach nicht wichtig genug um es für mich "abzusetzen". Interessieren tut es mich je nachdem auch, ja (und grad die ganze Chris Brown-Historie finde ich skandalös. Hat der echt so mächtige Leute hinter sich, dass keiner für Rihanna eintrat und die Grammy-Macher so nen Schrott erzählen?). Wie auch immer... Bei Leuten, die mein Land oder eine Sache, die mir auch wichtig ist, durch ein Amt bspw. vertreten, bin ich mir da nicht ganz sicher, inwiefern die "ne öffentliche weiße Weste" haben sollten. Denn es ist einfach logisch, dass sie nicht 100pro perfekt sind, andererseits repräsentieren sie etwas und daher ist die Frage, ob man irgendwo ne Grenze zieht oder das einfach ganz lassen sollte... Letztlich wichtig sind aber nur die Menschen, die man persönlich in sein Leben lässt. Da sollte das Bild von einander wichtig sein und stimmen. Udn da wird's dann, eben weil man XY doch noch irgendwie mag, manchmal ganz schwierig für einen selbst und die Frage, inwiefern man sich mit XY umgibt oder nicht...
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Lin@ »

Schnurpsischolz hat geschrieben:Bei mir kommt da ja mittlerweile durch mein eigenes Verhältnis zum Popjournalismus (also dass ich der Meinung bin, dass da auch ein gewisses Können, Gefühl für Qualität und eben auch Integrität dahinter stecken sollte), dass ich dann viel mehr verächtlich über einen schlechten Interviewer denke.
Richtig. Wobei's hier natürlich auch in beide Richtungen gehen kann. Da liest man plötzlich Dinge oder guckt sich Interviews an zu Themen, die einen eigentlich gar nicht wirklich interessieren, bloß weil's der Journalist/Interviewer einfach drauf hat. Da können wir, glaub ich, beide ein Lied davon singen. ;)
Klar, er ist krank und das sollte man dabei beachten. Aber er kommt ja wieder ins Geschäft (bspw. mit seiner neuen FX-Serie) zurück, ohne das er selber mal eingesehen hat, dass er krank war/ist...
Wobei die mangelnde Einsicht meines Erachtens eben mit der Krankheit einhergeht. ;) Weswegen ich da das eigentlich sehr viel schwerwiegendere Problem auch eher beim Verhalten der Öffentlichkeit/der Medien ihm gegenüber sehe.
No-Gos waren dann beispielsweise solche Dinge wie aktiv gegen die Homoehe zu schreiben und ein soziales Gesundheitsversicherungssystem gleich mit dem Kommunismus ala Stalin gleichzusetzen. Da hört es für mich einfach auf, einfach weil ich solche Vergleiche und solche Ignoranz auch unter "Dumm" einordne.
Verständlich. Dummheit find ich auch immer unheimlich schwer zu tolerieren. :D
Wie äußert sich das bei ihm, nur auf die selbstzerstörerische Art oder auch durch Gewalt anderen gegenüber? Da ist für mich ja auch nochmal eine Grenze.
Er ist sicherlich mal unter Dorgeneinfluss Auto gefahren, aber körperlich gewalttätig ist er meines Wissens nie geworden. Er ist aber auch ein ziemliches Würstchen, das vermutlich sogar Kate Moss mit einer simplen Ohrfeige zu Boden hätte werfen können. :D
Vince Gilligan ist da so ein Beispiel, den ich immer wieder in Interviews (besonders wenn sie in Podcast oder Videoform sind) so großartig finde, dass ich manche Sachen die mich an BrBa sonst viel mehr stören würden, richtig nett finde.
Ich kann mir zwar kaum vorstellen, was einen an BrBa großartig stören könnte, aber ja, Vince scheint definitiv ein extrem netter und cleverer Kerl zu sein. ;)
Ich glaube auch, dass man selbst doch eben gerade zu den Künstlern zu den man ein derart inngiges Verhältnis hat, dass man da ja auch eine gewisse Menschenkenntnis an den Tag legt und jemand, der eben komplett neben der Spur ist, bei einem selbst gar nicht soweit kommen würde. Solche extremen Sachen kommen ja auch nicht von ungefähr. ;)
Das stimmt vielleicht, aber gerade im Fall von Jason Molina hab ich das innige Verhältnis nicht zu ihm selbst als Künstler, sondern lediglich zu seiner Musik. Ich weiß kaum was über ihn, hab ihn nie live gesehen und vielleicht grad mal ein oder zwei Interviews über ihn gelesen, in denen er sehr wenig von sich selbst preisgegeben hat. Ich schätze ihn also wirklich "nur" als Künstler und hab keine Ahnung, wie er als Mensch drauf ist. Von daher kann man da eigentlich auch nicht wirklich von Menschenkenntnis sprechen.
Ringworm hat geschrieben:Das ist ein immer wieder sehr kontrovers diskutiertes Thema. [...]
Danke für die Erläuterung. :) Und wo genau stehst du da dann mit deiner Meinung unter all den Gruppierungen/Lagern in der Szene? Wohl kaum abseits als Beobachter, oder? Sonst würdest du die Musik ja vermutlich nicht hören...
Der war bei mir zum Beispiel spätestens dann unten durch, als er sich fürs vermeintliche "Sommermärchen 2006" instrumentalisieren ließ.
Na ja, aber bei dem (Lokal-)Patriotismus, den der Mann schon immer und überall an den Tag legte, sollte das doch eigentlich kein großer Schock gewesen sein. ;)
Schnupfen hat geschrieben:Denn die Frage, um die es hier geht, kann man ja auf alle Bereiche ausweiten, also nicht nur auf Musik, Texte, Mensch dahinter, Schauspieler, Regisseure, Autoren, sondern eben auch auf Politiker, Leute in Ämtern, wichtige Persönlichkeiten bzw. ganz schlicht gesagt: Andere Menschen. Denn auch bei meinen Freunden, Verwandten und Bekannten kann ich mich fragen, ob ich mit XY befreundet bin, auch wenn er dies und das tut und denkt und sagt
Wobei das für mich was anderes ist, weil man da nicht wirklich trennen kann. Da gibt's nur das Gesamtpaket, da kann man nicht nur das nehmen, was man mag und den Rest ignorieren, weil es nur um eine Person (bzw. Persönlichkeit) geht. Hier geht's ja hauptsächlich um die Beziehung zwischen Kunst (also einem Kulturgut) und Künstler, wo es möglich ist (wenn man denn will bzw. kann) zu trennen. Und um die Frage, ob das sinnvoll oder in manchen Fällen vielleicht sogar nötig ist.
Wo hört die Freundschaft auf? Was ist ein No-Go? Gäbe es ein solches bpsw. im Familienbereich?
Zu dem Thema kann man sich im WiW-Board sicherlich auch austoben, wenn man Lust hat.
Ich höre Musik von Chris Brown, R. Kelly, Bobby Brown, verknackten Rappern, christlichen "Fundamentalisten" und viiiiiielen anderen, die Dinge tun, die ich nicht gut finde.
Hörst du sie bloß oder kaufst du sie auch? Und wenn letzteres: Warum eigentlich? Weil du Musik wirklich völlig losgelöst vom Künstler betrachtest? Aber, wenn ja, wieso dann trauern, wenn Whitney stirbt? Bloß weil's kein neues Album mehr geben wird?
Hat der echt so mächtige Leute hinter sich, dass keiner für Rihanna eintrat und die Grammy-Macher so nen Schrott erzählen?
Vielleicht hat er auch einfach so viele Fans, die seine persönlichen Eskapaden für nicht "wichtig genug" halten, um seine Musik "abzusetzen". ;) Das könnte zumindest erklären, wieso sich die Grammys mehr oder weniger gezwungen sahen, ihn auftreten zu lassen, weil die Leute ihn laut Verkaufszahlen einfach sehen wollen. Für den Schrott, den der Produzent erzählt hat, gibt's eigentlich keine menschenmögliche Erklärung.
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Schnupfen »

Lin@ hat geschrieben:
Ich höre Musik von Chris Brown, R. Kelly, Bobby Brown, verknackten Rappern, christlichen "Fundamentalisten" und viiiiiielen anderen, die Dinge tun, die ich nicht gut finde.
Hörst du sie bloß oder kaufst du sie auch? Und wenn letzteres: Warum eigentlich? Weil du Musik wirklich völlig losgelöst vom Künstler betrachtest? Aber, wenn ja, wieso dann trauern, wenn Whitney stirbt? Bloß weil's kein neues Album mehr geben wird?
Ich kaufe sie auch, denn irgendwoher muss ich sie ja bekommen, die Musik... Warum? Ja, weil ich bei Künstlern wie beschrieben trennen will. Nichtsdestotrotz kann man natürlich nicht verhindern, dass man diesen Kram mitbekommt, ihn auch bewertet, genauso auch positive Geschichten, die gemeinsam mit jener guten Musik einfach dazu beitragen, dass man bspw. nach dem Tod eines Künstlers auch etwas um ihn trauert.
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Annika »

Sehr interessanter Thread.
Ringworm hat geschrieben:Es gibt halt so ein paar No-Gos, die ich absolut nicht brauche (wie eben die Schweneblut-Geschichte bei Soap&Skin, Lady Gagas Fleischkleid usw.), und die mir den jeweiligen Künstler derart madig machen, dass ich seine Musik auch gar nicht mehr genießen könnte, selbst wenn ich wollte.
Das sind für mich alles Gründe, die für mich nicht wirklich eine Rolle spielen, wenn es darum geht, ob ich die Musik mag oder nicht. Stempel das halt einfach unter "PR" bzw. "Image" ab, aber dennoch macht es die Musik von Lady Gaga für mich jetzt nicht schlechter, weckt aber gleichermaßen auch nicht mein Interesse, da es einfach nur provokant ist und ich solche Personen dann eher damit "abstrafe", dass ich mir nichts von ihnen durchlese oder mich für ihre Meinung interessiere, da sie scheinbar einen "Skandal" brauchen, um von sich reden machen zu müssen und sonst nicht wirklich interessant sind...

Ich gehe dann demnach schon mal mit einer negativen Einstellung an ein neues Album ran, weil man ja dann doch das Gefühl hat, dass die Personen nicht glauben, dass die Qualität ihrer Musik reicht, um von sich zu überzeugen bzw. Aufmerksamkeit zu erregen, aber wenn dann doch Lieder drauf sind, die mich ansprechen, dann rede ich mir nicht ein, diese schlechter zu finden, nur weil mich die Person nervt.
Lin@ hat geschrieben:Darf man Musik von Frauenschlägern, Kinderschändern o.ä. gut finden? Oder sollte man sie boykottieren?
Kommt immer darauf an, inwiefern die negativen Seiten des Künstlers sich direkt musikalisch widerspiegeln. Dann geht das mit dem Gut-Finden definitiv nicht mehr. Aber auch sonst wird's teilweise schwierig. Bis zu einem gewissen Grad geht es noch mit dem Trennen zwischen Künstler und dessen Produkt.
Da muss ich sagen, dass ich mich bei sowas wahrscheinlich dann doch "selbst zwinge" mir das erst gar nicht anzuhören bzw. wenn dann auch mein möglichstes gebe, dass ich es nicht gut finde... Da Künstler für mich immer noch auch im gewissen Maße einen Bildungsauftrag haben bzw. durch ihre Öffentliche Person eben ein Massenpublikum ansprechen, müssen sie meine Werte einfach teilen und so auch in der Öffentlichkeit auftreten. Wenn jemand Gewalt anwendet, die für mein Dafürhalten unnötig, grausam bzw. pervers ist, dann ist der Mensch für mich einfach durch und ich kann mit mir selbst nicht vereinbaren durch mein Zutun diesem Menschen zu "Ruhm und Ehre (bzw. Geld)" zu verhelfen...
Lin@ hat geschrieben:Habt ihr schon mal erlebt, dass ihr etwas über eine eurer Lieblingsbands erfahren habt, das einen extrem bitteren Beigeschmack hinterlassen hat?
Im musikalischen Bereich habe ich das kaum, was aber daran liegt, dass ich in dem Bereich kein wirkliches Interesse an den Bands oder Künstlern habe, und demnach kaum etwas über sie weiß. Aber bei Schauspielern ist das natürlich sehr häufig vorgekommen, v.a. seit den Convention-Besuchen...

Da merke ich jedoch, dass ich an dieser Stelle sehr gut trennen kann zwischen Darsteller und Charakter, vor allem wenn es um religiöse Einstellungen geht ist es mir vollkommen egal, was die Leute denken, da es für mich nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat und wenn die Leute andere missionieren wollen, dann ist mir das auch absolut schnuppe. Tom Cruise als Mensch ist mir bspw. absolut unsympathisch, aber ich finde ihn als Schauspieler einfach wirklich gut. Im Actionbereich macht er für mich immer eine gute Figur und auch in seinen anderen Rollen hat er mich in den letzten Jahren kaum enttäuscht - auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass ich ihn auch schlecht finden könnte :D

Bei der politischen Einstellung bin ich mir da noch nicht so ganz sicher. Da kommt es eventuell darauf an, inwieweit die Personen mit der Einstellung hausieren gehen. Extrem Rechte Einstellung geht für mich prinzipiell erst mal gar nicht (genauso wie extrem Linke), aber wenn jemand das in seinem stillen Kämmerlein macht und es eben einfach mal durch einen - nicht skandalösen - Vorfall auffällt, dann kann ich da einfach mal drüber hinweg sehen und die Filme/Serien der Person dennoch verfolgen und auch gut finden.
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Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von manila »

Lin@ hat geschrieben:Aber erst seit den Skandalen, nehm ich an?
Ich mochte Mel ja immer sehr gerne und hab auch so gut wie all seine Filme gesehen, weil meine Schwester in ihren Teenager-Jahren Riesenfan war. Vielleicht hab ich auch deswegen die ganze Diskussion um ihn etwas gemieden, weil ich mir einfach nicht das Bild, das ich von ihm hatte, zerstören wollte. Was mir auch einigermaßen gelungen ist. Ich denke, bei Leuten, die man eigentlich mag, macht man das wahrscheinlich öfter so, dass man sich einfach an Strohhalme klammert wie: Hey, die wundervolle Jodie Foster ist mit ihm sehr gut befreundet. So schlimm KANN er doch also gar nicht sein!
Hah, exakt so geht es mir bei ihm auch :D Da wiegt einfach noch die alte Teenager-Begeisterung zu stark mit.
Chris Brown
Dazu fand ich ja einen Blogeintrag von Wil Wheaton richtig gut:
On Sunday, I was personally offended that Chris Brown performed at the Grammys. Violence against anyone is never okay, but the quiet acceptance of violence against women we see all over the world is especially reprehensible to me. Allowing someone who beat his girlfriend so severely she was hospitalized to perform on a national stage -- and then framing it as some sort of comeback -- didn't sit well with me. Celebrities -- especially pop music celebrities -- are role models, even when it's inconvenient for them, and what they do and how they treat people matters. So I posted a link on Twitter to the police report, just to remind people who they were celebrating.
Es geht halt mMn vor allem darum, wie die Oeffentlichkeit den jeweiligen Kuenstler repraesentiert. Ich meine, was sagt das ueber die Gesellschaft/Leute aus, wenn ein Frauenschlaeger ohne weiteres im oeffentlichen Fernsehen als Star zelebriert wird?
Charlie Sheen
Same here wie bei Chris Brown. Sheen hat zweifellos einen an der Waffel, aber genau das ist es eben, was die Oeffentlichkeit an ihm interessiert. Man ist interessiert am Absturz der Person, wie weit sie noch gehen kann, bis es sie endgueltig auf die Nase haut. Kennt hier jemand den Roast von Charlie Sheen? Ich muss ja zugeben, dass ich mir das gegeben habe (und stellenweise auch lustig fand), aber was da teilweise fuer Kommentare ueber Sheens Skandale losgelassen wurden, fand ich schockierend - vor allem, wenn dann das ganze Publikum drueber lacht.
Annika hat geschrieben:Kommt immer darauf an, inwiefern die negativen Seiten des Künstlers sich direkt musikalisch widerspiegeln. Dann geht das mit dem Gut-Finden definitiv nicht mehr. Aber auch sonst wird's teilweise schwierig. Bis zu einem gewissen Grad geht es noch mit dem Trennen zwischen Künstler und dessen Produkt.
Ich denke, ich koennte die Musik durchaus bis zu einem gewissen Grad gut finden (also zum Beispiel Kanye, der musiklisch einfach was drauf hat, persoenlich aber der totale Honk ist), aber dann aus diese persoenlichen Gruenden zu keinem Konzert von diesem Kuenstler gehen, um ihn in dieser Hinsicht nicht zu unterstuetzen.
Lin@ hat geschrieben:Habt ihr schon mal erlebt, dass ihr etwas über eine eurer Lieblingsbands erfahren habt, das einen extrem bitteren Beigeschmack hinterlassen hat?
Da faellt mir auf die Schnelle eigentlich nichts wirklich ein bis auf die genannten...
"There's a crack in everything. That's how the light gets in."
Ringworm

Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Ringworm »

Lin@ hat geschrieben: Danke für die Erläuterung. :) Und wo genau stehst du da dann mit deiner Meinung unter all den Gruppierungen/Lagern in der Szene? Wohl kaum abseits als Beobachter, oder? Sonst würdest du die Musik ja vermutlich nicht hören...
Richtig, ich fühle mich da im Großen und Ganzen schon zugehörig und sehe da auch eine ziemlich große Schnittmenge.
Na ja, aber bei dem (Lokal-)Patriotismus, den der Mann schon immer und überall an den Tag legte, sollte das doch eigentlich kein großer Schock gewesen sein. ;)
Das stimmt, wobei ich den lokalen Patriotismus noch auf seine recht verquere Art und Weise irgendwie nachvollziehbar finde. Ist aber im Grunde auch egal, ich war auch vorher kein großer Fan von Xavier Naidoo, von den Sportfreunden Stiller, Revolverheld und Co. ;)
Ringworm

Re: Musik vs. Persönlichkeit

Beitrag von Ringworm »

Wer übrigens mal anhand eines aktuellen Beispiels so ein wenig die innere (politische) Zerrissenheit der Hardcoreszene im Schnelldurchlauf erleben möchte, kann sich gern an die Facebook-Diskussion richten, die entbrannt ist, als das Fluff Fest, eines der letzten jährlichen Festivals, das sich immer noch tief verwurzelt im Hardcore-Gedanken sieht, dieses Jahr als Band Defeater eingeladen hat, die ich oben ja schon mal angesprochen hatte.
Die Diskussion ist irgendwann so aus den Fugen geraten, dass sich einer der Gründer des Festivals und derjenige, der die Band dieses Jahr eingeladen hat, zu diesem Statement genötigt sah:
this is a message from tomas, who started fluff fest with michal back in 2000, who books bands, and who also booked defeater for this year's fluff fest. i feel like speaking my mind about this topic. to be honest, i never knew too much about this band. the bigger the band is i feel like the less i know about them and i had no idea about any support for soldiers by this band until this discussion happened. i am starting to read their website etc. and i have mixed feelings. if the band gives money to ex-soldiers who come back from war and have some physical disorders, they have my big respect as they are trying to help human beings. if the band speaks highly about troops in iraq, then i totally disagree, because wars are wrong in general and should not be supported in any way. war is the reason which causes problems such as ex-soldiers with physical disorders. and unfortunately not only that kind of problem...

i am extremely open minded and liberal when it comes to different people's different way of thinking. and since i don't know the band in person, i don't know their exact opinions, so i am far from judging. there is a lot of different ideas and opinions in hardcore. and in the world in general. we always tried to have the fluff fest playlist as a reflection of the hardcore scene. there have always been bands we totally agree with, and there have always been bands with different points of view. we never want to create an elite group with the only correct thinking where big brother is making sure everything is according the rules. that idea kind of scares me and i always loved the diversity of hardcore and i believe we should learn how to coexist with other people. isolating into groups with different ideas is wrong and only leads to an escalation of problems and brings hatred between people.

anyways, we still need to feel comfortable with what we are doing and the people we work with, so i am going to contact the booking agency to provide me a contact to the band so i can talk to them about this topic and find out where the truth is. again, if the band supports soldiers who got hurt in the stupid war and financially helps them to get over their traumas and get back to their normal lives, they have my respect. if they support a government sending soldiers to war, we can't relate with it and we don't want to invite them to fluff fest...

love, tomas
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