Ringworm hat geschrieben:Meist beschäftige ich mich mit dem Drumherum gar nicht und bekomme tatsächlich erst was mit, wenn schon die ganze Welt darüber redet.
Geht mir recht ähnlich, weil ich zwar viel über Musik lese, aber eben recht wenig über die Musiker selbst. Wobei die meisten Bands/Künstler, die ich mag, in der Regel so unbekannt sind, dass es wirklich extrem selten vorkommt, dass die ganze Welt darüber redet.

Bon Iver ist da eine der großen Ausnahmen, aber da können auch noch so viele "Journalisten" versuchen, ihm das Wort im Mund umzudrehen, wenn man zwei, drei ausführliche Interviews mit ihm gesehen hat, weiß man einfach, dass Justin Vernon in Wirklichkeit ein höllisch sympathischer und zu allem Überfluss auch noch intelligenter, bescheidener und humorvoller Kerl ist. Von daher stellt sich da das Problem nicht.
Aber klar, Musik ist für mich auch ein Gesamtkunstwerk, bei dem auch der Künstler passen muss.
Für mich ist Musik auch ein direkteres Medium als z.B. Film, weil zum einen deutlich weniger Leute involviert sind und weil es mir in der Regel auch deutlich mehr ans Herz geht, weil man Musik ja auch öfter hört, während ich Filme ein- oder vielleicht zweimal gucke und sie dann gewissermaßen "vergesse". Daher steht da für mich durch diese emotionalere Bindung auch sehr viel mehr auf dem Spiel. Wenn da also das Bild vom Künstler zu sehr vom Bild, das ich von seiner Musik habe, abweicht, kann das definitiv stärker abfärben als ein Schauspieler, den ich nicht ab kann. Und zwar sowohl im negativen als auch positiven Sinne.
Deswegen muss er nicht überall dieselbe Meinung haben wie ich. Im Gegenteil, oft können Kontraste auch sehr interessant sein.
Sehe ich auch so.
Ich bin bspw. wahrscheinlich einer der wenigen, der bei den Lyrics von Tyler, the Creator aktuell noch beide Augen zudrückt, weil ich das Gefühl habe, dass es bei ihm noch eine Trennung gibt zwischen geäußerter und in künstlerischer Form aufbereiteter und tatsächlich persönlicher Meinung.
Wobei ich sowas ja in der Regel unter Provokation-um-der-Provokation-willen verbuche, womit ich auch nicht selten so meine Probleme habe. Kommt halt immer auf die Absicht hinter der Provokation an, die man sich aber in vielen Fällen eben auch nur denken und nicht wirklich kennen kann.
Mit Mia z.B. konnte ich eh nie was anfangen, spätestens mit "Was es ist" wären sie aber unhörbar geworden.
Hm... da wären wir schon beim "Ignorance is bliss"-Dilemma: Soll ich da jetzt genauer nachfragen oder lass ich's bleiben?

Paar ihrer alten Songs mag ich nämlich eigentlich ganz gerne...
Ich bewege mich halt größtenteils in einem Genre, bei dem bspw. die politische Einstellung immer fest mit der Musik verankert ist. [...] beim Thema Religion, das im Punk- und Hardcoregenre ohnehin jedes Mal wieder für heftige Diskussionen sorgt [...] Wenn jemand erst mal Gott oder seiner Heimatnation dankt, ist das in dem Genre nicht nur selten, sondern auch oft ungern gesehen.
Ich kenn mich mit der Szene ja überhaupt nicht aus, finde das aber hochinteressant. Heißt das, dass der "Respekt" für den Künstler (teilweise oder völlig) flöten geht, wenn politische oder religiöse Ansichten in der Musik/den Texten durchschimmern, mit denen man nicht konform geht? Wie extrem müssen da die Differenzen sein? Oder ist da schon der alleinige Glaube an Gott ein Problem? (Und wäre Punk/Hardcore eigentlich überhaupt noch Punk/Hardcore, wenn die Texte unpolitisch und völlig belanglos wären? Wenn man also bloß noch Bienchen und Blümchen "singen" würde?)
Richtig meiden eher selten, dann eher sowas in der Art wie "mit der nötigen Distanz gucken/hören". Ist u.a. bei Mel Gibson so.
Aber erst seit den Skandalen, nehm ich an?
Ich mochte Mel ja immer sehr gerne und hab auch so gut wie all seine Filme gesehen, weil meine Schwester in ihren Teenager-Jahren Riesenfan war. Vielleicht hab ich auch deswegen die ganze Diskussion um ihn etwas gemieden, weil ich mir einfach nicht das Bild, das ich von ihm hatte, zerstören wollte. Was mir auch einigermaßen gelungen ist. Ich denke, bei Leuten, die man eigentlich mag, macht man das wahrscheinlich öfter so, dass man sich einfach an Strohhalme klammert wie: Hey, die wundervolle Jodie Foster ist mit ihm sehr gut befreundet. So schlimm KANN er doch also gar nicht sein!
Schnurpsischolz hat geschrieben:Den Fall Chris Brown hatte ich jetzt nicht wirklich verfolgt und ich kenn da die Details auch nur so völlig oberflächlich, deshalb fühle ich mich da nicht kompetent genug zu urteilen.
Ich hatte davon ja überhaupt GAR nichts mitbekommen (vermutlich weil ich Klatschpresse und Boulevardmagazine meide wie die Pest und mich weder Rihanna noch Chris Brown auch nur die Bohne interessieren) und war dann zuerst völlig verwirrt als während der Grammys im Twitterverse plötzlich das große Dissen losging, aber nachdem ich
nachgelesen hatte, woher der ganze Aufruhr kam, konnte ich's definitiv nachvollziehen. Was mich da dann aber erst so richtig geschockt hat, war weniger die Tatsache, dass die Öffentlichkeit ihn offenbar immer noch sehen (oder zumindest hören) will, als vielmehr der krasse Kommentar der Grammy-Produzenten im Vorhinein
We’re glad to have him back. I think people deserve a second chance, you know. If you’ll note, he has not been on the Grammys for the past few years and it may have taken us a while to kind of get over the fact that we were the victim of what happened.
sowie die zahllosen, unfassbar idiotischen "I would let Chris Brown beat me"-Tweets von notgeilen Teenager-Gören.

Da kann man sich echt nur an den Kopf fassen.
Wobei ich ehrlich gesagt nicht wirklich zu 100% sagen kann, ob ich seine Musik wirklich boykottieren würde, wenn er vor der ganzen Geschichte vor drei(?) Jahren zu meinen absoluten Lieblingskünstlern gehört hätte. Ich meine, wenn sich jetzt herausstellen würde, dass z.B. Jason Molina mehrfach seine Frau verprügelt hat, hätte das bestimmt einen Einfluss darauf, wie ich seine Musik wahrnehme. Aber ob die über Jahre aufgebaute Beziehung, die ich insbesondere zu seinem "Lioness"-Album aufgebaut habe, plötzlich dahin wäre? Ich wage es ehrlich gesagt fast zu bezweifeln, weil man sich Musik zu einem nicht geringen Maße ja auch irgendwie zu eigen macht, wenn man sie regelmäßig hört, in sein Leben integriert und persönliche Erinnerungen an sie knüpft.
Aber am Beispiel Charlie Sheen bin ich auch der Meinung, dass er für mich keinerlei Reue an den Tag gelegt hat
Wobei ich mich bei Charlie Sheen auch schon des Öfteren gefragt habe, inwiefern er bei all dem Drogenkonsum überhaupt noch zurechnungsfähig ist/war. Ich mein, der Typ ist einfach ganz eindeutig krank. Daher ist das für mich noch ein bisschen was anderes und ich könnte mir auch gut vorstellen, dass er irgendwann, nachdem er hoffentlich mal clean geworden ist und sein Leben auf die Reihe gekriegt hat, SEHR viel bereuen wird. Dennoch ist er sicherlich ein ganz klarer Fall, bei dem man wirklich nicht lange überlegen muss, ob man seine Präsenz im Fernsehen unterstützen sollte. Vor allem eben deswegen:
vermittelt man einfach in der Öffentlichkeit, dass das ja alles nicht so schlimm ist.
Also gewisse Dinge beinflussen mein Bild von Küsntlern, egal ob das nun im Bereich Musik oder Film/Serie ist schon und stellen mich durchaus vor die Frage, ob ich denjenigen gut finden will oder nicht.
Wobei die eigentliche Frage ja nicht ist, ob man denjenigen dann noch gut finden will oder nicht (es gibt sicher auch Fälle, wo man eigentlich unsympathische Leute durch ihr künstlerisches Talent als deutlich weniger unsympathisch auffasst), sondern ob das dann eben zwangsläufig auch auf sein Werk abfärben muss. Oder sollte. Oder kann. Whatever.
Ich persönlich hatte einmal das A-Ha erlebnis, dass ich Adam Baldwin als Person, losgelöst von seinen Rollen wirklich nicht bewundern kann, nachdem ich von dessen extrem rechter politischer Einstellung erfahren habe. Das geht dann leider gar nicht mehr.
Aber ging das denn so weit, dass es bei dir unter das fiel, was du oben als "moralische NO-Gos" bezeichnet hast? Und hat sich das auf dein Verhältnis zu "Chuck" oder zumindest Casey ausgewirkt?
Die Sache mit Scientology hatte ich ab und an mal noch, allerdings ist das für mich, solange dass die betreffenden Künstler nicht missionarisch betreiben auch noch OK, bzw. halt deren Privatsache.
So sehe ich das auch. Ich bin da in der Hinsicht eigentlich echt ein sehr toleranter Mensch, der über zwiespältige religiöse, politischen o.a. Ansichten durchaus hinwegsehen kann, VORAUSGESETZT es wird eben nicht lauthals missioniert. Da hab ich dann schon ein sehr, sehr viel größeres Problem mit.
Und es spielt eben auch eine Rolle, inwieweit diese Dinge in die Kunst selber hineinragen, aber wenn jemand eine Grenze überschreitet, die ich für moralisch falsch halte, dann will ich die Person nicht unterstützen. Ich würde im realen Leben eine solche Person ja auch nicht unterstützen wollen und durch meine Unterstützung ja irgendwie meine Absolution für ein solches Verhalten zu erteilen.
Das heißt, wenn sich jetzt herausstellen würde, dass Arcade Fire in ihrem Studiokeller Homosexuelle foltern oder Kinder missbrauchen (very likely, I know

) würdest du auch gnadenlos all ihre Alben aus dem Haushalt verbannen und nie wieder einen Song von ihnen hören wollen? Und was ist, wenn sie sich "nur" immer und überall wie Arschlöcher aufführen und TAAHM für die beste Sitcom aller Zeiten halten würden, dabei aber keine moralischen Grenzen überschreiten? Was reagierst du dann?
Sollte man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Roman Polanskis Filme mag?
Eigentlich schon, ja.

Die ganze Sache wäre einfacher, wenn er nicht so gute Filme drehen würde.

Hihi, genau meine Reaktion, als ich das vorhins las. Wobei ich die Filme schon noch gut finde, ich würde aber halt Polanski nie ohne den Zusatz um seine Geschichte als Vorzeigeregisseur verwenden.
Ist schon irgendwie tricky, ne? Wobei ich mich frage, ob er als Schauspieler nicht womöglich wesentlich schlechter dran wäre, was seinen Ruf angeht, weil man dann permanent sein Gesicht sehen würde, während man bei einem Film ja nicht zwangsläufig wissen muss (oder besser ignorieren kann), wer da hinter der Kamera stand.
Mir persönlich fallen ehrlich gesagt keine sonderlich extremen Fälle ein, bei denen sich meine Meinung über jemanden wirklich so stark verändert hätte, dass ich seine Arbeit nicht mehr genießen konnte. Ich war ziemlich enttäuscht nachdem ich
Robin Thicke mal live gesehen hatte, weil der auf der Bühne einfach so den R'n'B-Gigolo raushängen ließ und sich beim Performen aus unerfindlichen Gründen immer zwanghaft zwischen die Beine griff (

), aber das hatte nicht allzu große Auswirkungen, weil seine Musik sich mit der Zeit leider ohnehin in eine recht ähnliche Richtung entwickelt hat. Bei
Xavier Naidoo bzw. den Söhnen Mannheims hab ich's früher immer geschafft, die Musik unabhängig von den kontroversen Lyrics zu genießen, bis die Texte (bzw. die "Message") mir irgendwann einfach zu sehr in den Vordergrund rückten. Was vor allem deswegen schade ist, weil ich Naidoo eigentlich für einen genauso starken Texter wie Sänger halte, der sich IMO halt musikalisch bloß immer wieder gern im Thema und/oder im Ton vergreift bzw. halt den Missionar raushängen lässt.
Pete Doherty ist definitiv kein Mensch, mit dem ich gerne befreundet wäre, den ich aber musikalisch immer wieder vehement in Schutz nehme, weil ich ihn wirklich für ein verkanntes Genie halte, das auf die falsche Bahn geraten ist, zum Opfer der Medien wurde und aus dem Drogensumpf einfach nicht rauskommt.
Kanye West kann ich mit seiner größenwahnsinnigen Art nicht ausstehen, was sich zwar durch Justin Vernons Kommentare über ihn ein klein wenig relativiert hat, aber vermutlich immer noch stark dazu beiträgt, dass ich seine Musik wesentlich kritischer betrachte als die meisten anderen.
Billy Bob Thornton halte ich seit
diesem Interview für einen arroganten Vollspacko (was meine Lust auf einen Re-Watch von "Monster's Ball" letztens gewaltig getrübt hat), kann aber (noch?) nicht beurteilen, inwiefern das wirklich meine Meinung auf seine Filme beeinflussen wird. Einerseits bin ich sehr versucht, sie zu meiden, andererseits spielt er ja meistens eh irgendeinen Fiesling, von daher passt das vielleicht sogar.

Und bei Roman Polanski geht's mir wohl wie den meisten.
In der Regel läuft's bei mir aber eher in die andere Richtung, dass ich jemanden bei einem Interview oder auf einem Konzert sehr sympathisch finde und dann deswegen mehr Zeit investiere, in ihre Musik reinzufinden. Funktioniert dann zwar nicht immer, aber halt doch oft genug zumindest so weit, dass ich Alben von ihnen kaufe, um sie zu unterstützen. Auch wenn ich diese danach kaum höre.
